Göbel – ein wahres deutsches Genie?

von 1893

Die ersten Ansätze einer Legende um Göbel als Erfinder der Glühlampe gab es schon zur Zeit des Patentstreites mit Edison: Als im Columbia-Prozess die zeitweilige Erlaubnis, weiter  Glühlampen produzieren zu dürfen, erstritten wurde, begann die Stilisierung Göbels zu einem nationalen Vorbild. (1) Nach Göbels Tod geriet dieser zunächst in Vergessenheit. Ab 1911 wurde aber die Legende vom „wahren Erfinder der Glühlampe“ entwickelt, der mit seiner Arbeit Edison 25 Jahre zuvorgekommen sei. Während des Kaiserreichs, in Zeiten nationaler Depression, wurde das Bild "unseres Besten“ (2) weiterentwickelt und  konnte aufgrund des Glaubens der Bevölkerung an den „deutschen Helden“ bestehen. Zu dieser Zeit gewann dieser Glaube in Deutschland an Bedeutung im Rahmen der nationalen Identitätssuche. (3) Das Kaiserreich war gerade neu entstanden und es gab einen Mangel an typisch deutschen Symbolen. Ein deutscher Held passte also gut in das sich langsam formende nationalistische Bild der Bevölkerung. Die Kernidee der Legende "Der deutsche Idealismus (= Göbel) gegen den amerikanischen Materialismus (= Edison)" kam in der Bevölkerung sicher gut an. Dieser Idealismus sollte vor allem durch Göbels Hartnäckigkeit und seinen angeblichen Erfolgsweg als Vorbild der Nation verkörpert werden. Frei nach dem Motto: „Vom Dorfkind zum Erfinder der Glühlampe.“ Die Legende wies jedoch immer Abweichungen von der ursprünglichen Geschichte und Widersprüche auf.

So begann der Aufstieg des Springer Uhrmachers bzw. Schlossergesellen zur nationalen Identitätsfigur und angeblichem Erfinder der Glühlampe.  

In der NS-Zeit

Vor 1933 gab es nur vereinzelte Stimmen, die versuchten, Heinrich Göbel als Erfinder der Glühlampe zu deklarieren. Darunter war Hermann Beckmann, ein deutscher Ingenieur und Erfinder, der ab 1923 mehrmals kritisierte, dass Göbel in sämtlichen Fachbüchern nicht als Erfinder der Glühlampe erwähnt wird, obwohl dieser doch in einem gerichtlichen Prozess als Erfinder der Glühlampe nachgewiesen sei. Hierbei bezog er sich auf die Rezeption eines Gerichtsurteil, das Göbel als Erfinder lediglich nicht absolut ausschloss. Er kann als zentrale Figur bei der Entwicklung der Göbel-Legende gesehen werden.

Mit der Machtübernahme der NSDAP 1933 änderte sich dies jedoch. In vielen Presseberichten und Zeitungsartikeln wurde Heinrich Göbel als Idealbild eines typisch deutschen Erfinders deklariert. Auch  würdigte man z.B. im Dezember 1933 den 40. Todestag Göbels. 1938, zum 120. Geburtstag Göbels, brachte man den Vorschlag ein, einen Turm zu Ehren Göbels zu  errichten. Angelehnt war dieser Vorschlag an den Edison Turm im Melo Park. Dieses Bauvorhaben wurde mit Kriegsbeginn eingestellt, jedoch gab es schon Zeichnungen, die zeigten, wie dieser aussehen sollte. Man benannte  zudem auch Straßen und Schulen nach Heinrich Göbel, darunter die Heinrich-Göbel-Straße und die 1939 errichtete Realschule in Springe, die bis zur Umstrukturierung zu einer IGS ihm gewidmet war. Um das Bild Göbels als deutsches Genie zu sichern, wurden auch nachweislich falsche Informationen an die Öffentlichkeit gegeben.

nach 1945

Nach 1945 wurden die deutsch-national interpretierte und auch von den National-sozialisten entsprechend instrumentalisierte Darstellung der Geschichte Heinrich Göbels und insbesondere seine vermeintliche Rolle bei der Erfindung der Glühlampe nicht kritisch hinterfragt. Ursächlich dafür waren wohl nicht zuletzt auch (lokal)patriotische und identitätsstiftende Gründe. Eine umfassende, historisch vertiefte  Untersuchung fand deshalb nicht statt.
Auch wollte der ehemalige Stadtdirektor Dr. Degenhardt den Tourismus mithilfe der Göbel-Legende in Springe beleben. Aus diesen Gründen wurde 1954 die Göbelbastei in Springe errichtet. (4) Hierbei bezog man sich auf den zuvor erwähnten Vorschlag von 1937. Jedoch fiel diese um einiges kleiner aus als der zuvor geplante Turm.          

Doch nicht nur Springe war stolz auf den angeblichen Erfinder der Glühlampe: Zum vermeintlichen 100-jährigen Jubiläum der Glühlampe berichteten diverse namhafte Zeitungen aus ganz Deutschland über Göbel. Viele Deutsche wollten glauben, dass ein Deutscher die Glühbirne erfunden hatte, und genau das taten sie auch. Gerade den Springern brachte diese deutschlandweite Bekanntheit Göbels ein gesteigertes Maß an  Selbstbewusstsein ein. Sie gaben sogar eine Göbel-Briefmarke in Auftrag. Einige Springer hatten das Gefühl, dass die ganze Welt auf sie schaue.

Erst ab dem Jahr 2000 widmete sich das Forschungs- und Rechercheprojekt des Springer Geschichtslehrers Hans-Christian Rohde einer genaueren Untersuchung der Göbel-Geschichte, die den Glauben an Heinrich Göbel als Erfinder der Glühlampe endgültig widerlegte. Die meisten Springer haben diesen Umstand bereits akzeptiert - Einige stören sich aber daran, dass Rohde Göbel in seinem Buch verunglimpft und diffamiert hätte. (8)

Göbelbastei in Springe (6)                                                              Erster Plan der Göbelbastei (7)




 (1) U.a. durch Artikel in der Berliner Technikzeitschrift ETZ, https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_G%C3%B6bel#1893%E2%80%931945 [14.10.18] 

(2) Nach der gleichnamigen ZDF Sendung, in der die Glühbirne als zweitgrößte deutsche Erfindung angegeben wurde, https://de.wikipedia.org/wiki/Unsere_Besten#Unsere_Besten_%E2%80%93_Die_gr%C3%B6%C3%9Ften_Deutschen [14.10.18] 

(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Kaiserreich#Nationalismus_im_Wandel [14.10.18] 

(4) https://www.springe.de/ [14.10.18] 

(5) Rohde, Hans Christian 2007: Die Göbel-Legende. Der Kampf um die Erfindung der Glühlampe, Springe:  Klampen Verlag. 

(6) https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Goebel_Bastei_Springe_2011.jpg [14.10.18] 

(7) Rohde, Seite 99. 
(8) Vgl. Friedrich Schröder: "„Göbel-Legende“ deckt „Nichtgeheimnis“ auf"" und Heiko Eppens, "Heinrich Göbel, angeklagt der Hochstapelei und des Betruges", Förderverein für die Stadtgeschichte von Springe (Hg.), Springer Jahrbuch 2018, 2018.